Im Rausch, gleichviel ob er betäubend oder erregend wirkt, wird Zeit vorweggenommen, anders verwaltet, ausgeliehen. Sie wird zurückgefordert; der Flut folgt Ebbe, den Farben Blässe, die Welt wird grau, wird langweilig.
Ernst Jünger in Annäherungen
Müsset in Natur betrachten
Immer eins wie alles achten:
Nichts ist drinnen, nichts ist draußen;
Denn was innen, das ist außen.
So ergreifet ohne Säumnis
Heilig öffentlich Geheimnis.
Freuet auch des wahren Scheins,
Euch des ernsten Spieles:
Kein Lebendiges ist ein Eins,
Immer ists ein Vieles.
Johann Wolfgang von Goethe Epirrhema
Jahre kommen, Jahre schwinden,
alt das Neue, neu das Alte.
Um das Wesen zu ergründen,
stets den Blick dir klar erhalte.
Hoffe nicht und sei nicht bange,
nichts ist flücht'ger als die Welle;
was man auch von dir verlange
bleibe kühl in eigner Helle.

Manches zieht an uns vorüber;
an das Ohr, es drängt so vieles;
wem wird da der Kopf nicht trüber
in der Wirrung des Gefühles?
Von den anderen dich löse,
um den Weg zu dir zu finden,
wenn in nichtigem Getöse
Jahre kommen, Jahre schwinden.

Daß des Schicksals Urteilswaage
nicht vom Trug des Augenblickes
schwanke aus der gleichen Lage,
traue nicht dem Schein des Glückes.
Die Minute hat's geboren
ohne Kraft daß sie es halte.
Es verkünden dir die Horen:
alt das Neue, neu das Alte.

Wie auf Vorstadtbühnen-Rampen
muß dir diese Welt erscheinen:
Königinnen spielen Schlampen
hohl ihr Lachen, leer ihr Weinen,
Ruhm und Schande, Haß und Liebe.
Daß die Sinne nicht erblinden,
halt dich fern von dem Getriebe,
um das Wesen zu ergründen.

Künft'gen Tag, vergangne Zeiten,
ihre Zeichen kannst du lesen
auf des gleichen Blattes Seiten;
beides: Werden und Gewesen.
Doch aus Anfang und aus Ende
dir die Gegenwart gestalte
und vor jeder weit'ren Wende
stets den Blick dir klar erhalte.

Denn dem Unabänderlichen
sprang noch keiner aus dem Rachen;
vor Jahrtausenden schon glichen
Menschen sich in Schmerz und Lachen.
Wechselt Maske auch und Stimme,
jeder folgt dem gleichen Drange
auf so täuschungsreicher Kimme.
Hoffe nicht und sei nicht bange.

Über Abgründe voll Schrecken
mußt du gehn zum reinen Firne
stets ein Ärgernis den Gecken
mit dem Stern auf deiner Stirne.
Mögen sie ihr schnöd' Verdienen
rühmen noch mit frecher Schelle,
mach dich nie gemein mit ihnen,
nichts ist flücht'ger als die Welle.

Mit dem Lockruf der Sirene
wirft die Welt nach dir die Netze
und bis zu der letzten Szene
jagt sie dich in wilder Hetze.
Klug entgehe ihrer Schlinge,
daß sich nie das Herz verfange,
nein, niemals dich ihr verdinge,
was man auch von dir verlange.

Meide jegliche Berührung,
schweige vor den Lästerzungen.
Glaubst du noch an eine Führung
welker Greise, grüner Jungen?
Was sie reden ist Geschwätze,
kommt, wie sie, nicht von der Stelle.
Wahr' in dir des Herzens Schätze,
bleibe kühl in eigner Helle.

Bleibe kühl in eigner Helle,
was man auch von dir verlange.
Nichts ist flücht'ger als die Welle;
hoffe nicht und sei nicht bange,
Stets den Blick dir klar erhalte,
um das Wesen zu ergründen.
Alt das Neue, neu das Alte,
Jahre kommen, Jahre schwinden.